Baden-Württemberg ist das Land vieler digitaler Pioniere. In unserer mehrteiligen Reihe widmen wir uns heute dem Maschinenbauunternehmen Arburg, das weltweit zu den führenden Herstellern von Spritzgießmaschinen für die Kunststoffverarbeitung zählt – und auch im Bereich Industrie 4.0 die Nase vorn hat.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass „Unternehmenserfolg effizientes Produzieren voraussetzt“. Was hat sich diesbezüglich in den vergangenen 50 Jahren verändert?

In den vergangenen Jahren ist der Kosten-, Effizienz- und Termindruck in der Kunststoffteilefertigung enorm gestiegen. Die Variantenvielfalt nimmt zu, die Fertigungsaufträge werden immer kleiner und der Automatisierungsgrad steigt. Aspekte wie Energie­effizienz, Produktivität und Zykluszeit gewinnen an Bedeutung. Um als Kunststoffverarbeiter weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen hochwertige Teile zu möglichst wirtschaftlichen Stückkosten gefertigt werden. Dies berücksichtigen wir praktisch „schon immer“ bei allen unseren Neu- und Weiterentwicklungen.

Die Anforderungen an Kunststoffprodukte und ihre Komplexität wird weiter steigen – sowohl was die Spritzteile betrifft als auch deren Fertigung. Um voll funktionsfähige Bauteile in nur einem Schritt zu produzieren, werden zunehmend vor- und nachgelagerte Schritte integriert. Zudem werden immer wieder auch neue Anwendungsbereiche erschlossen – durch neue Bauteile, neue Verfahren und neue Materialien. Die Zukunft moderner Geschäftsmodelle liegt darin, den Kunden mit seinen Wünschen in die Wertschöpfungskette einzubinden und Großserienteile zu individualisieren.

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Beim Thema Industrie 4.0 ist Arburg ganz vorne mit dabei. Wie kam es dazu, dass Sie sich schon früh mit der Digitalisierung von Produktionsprozessen beschäftigt haben?

Mit unseren Produkten waren wir bereits vor über 30 Jahren Trendsetter für die informationstechnisch vernetzte Produktion: Auf der Weltleitmesse K 1986 präsentierte Arburg erstmals ein vollautomatisches Fertigungssystem ohne manuelle Rüstvorgänge, das aus mehreren verketteten Spritzgießmaschinen bestand. Damit waren wir unserer Zeit weit voraus. Die Anlage wurde bereits damals durch eine frühe Version des Arburg Leitrechnersystems ALS gesteuert, das wir seitdem kontinuierlich weiterentwickelt haben. Kein anderes Unternehmen der Branche hat ein so umfassendes Portfolio im Programm, um eine „Smart Factory“ kundenspezifisch zu realisieren.

Wir sind davon überzeugt: Nur, wer Großserienteile in einer personalisierten Produktion individualisieren und Losgröße 1 wirtschaftlich fertigen kann, den Kunden mit seinen individuellen Wünschen direkt in die Wertschöpfungskette einbindet – nur der leistet einen echten Beitrag zu Industrie 4.0. Was dahinter steckt, machen wir auf Messen im Rahmen flexibel automatisierter und informationstechnisch vernetzter Fertigungslinien an Praxisbeispielen wie z. B. individualisierte Kofferanhänger, Büroscheren oder Lichtschalter-Wippen „live“ erlebbar.

Wie hat die Industrie 4.0 die Fertigung bei Arburg verändert?

Der Einsatz von Industrie-4.0-Technologien in der Serienfertigung ermöglicht generell flexiblere, effizientere und transparentere Prozesse. Daraus resultieren reduzierte Stückkosten – auch bei kleinen Stückzahlen bis hin zu Losgröße 1.

Um unsere Fertigung so produktiv und flexibel wie möglich zu gestalten, nutzen wir in unserer eigenen Fertigung ebenfalls 4.0-Technologien. So sind z. B. Lager, Rüstplätze und Bearbeitungsmaschinen sowie logistische Peripherie informationstechnisch vernetzt. Unter anderem setzen wir auf eine interaktive Fertigungssteuerung und eine Just-in-sequence-Belieferung der Montagestationen mit Baugruppen. Von der dynamischen Produktionsplanung bis zur Datenarchivierung wird durchgängig IT-gestützt auf SAP-Basis und teilweise selbstorganisierend gearbeitet.

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Welche Rolle spielen dabei modulare Konzepte?

Hinter jeder modularen Allrounder-Spritzgießmaschine, die wir am zentralen Produktionsstandort in Loßburg (Deutschland) fertigen, steht ein konkreter Auftrag.

Unserer Allrounder-Philosophie entsprechend konfigurieren wir jede Maschine ganz spezifisch nach Kundenanforderungen. Durch unser einzigartiges Baukastensystem lassen sich dabei verschiedene Einzelteile und Baugruppen flexibel kombinieren und mit Hilfe von Industrie-4.0-Technologien wirtschaftlich in Serie fertigen. Ergebnis sind individuelle Lösungen für eine effiziente und damit wirtschaftliche Kunststoffteilefertigung.

Beim Thema Smart Factory schwingt bei vielen Unternehmen noch die Angst vor Hacks und Sicherheitslücken mit. Können Sie diese Bedenken teilen?

Die Umsetzung von Industrie 4.0 in der Kunststoffteile­fertigung ist ganz klar mit mehr Transparenz verbunden, wie dies z. B. auch bei der Nutzung von Smartphones und Navigationsgeräten der Fall ist. Die „Flut“ der gewonnenen Daten muss sicher vor Zugriffen Dritter übertragen und archiviert werden. Für die Sicherheit sind aber nicht nur wir als Maschinenhersteller gefragt. Unabhängig von Industrie 4.0 erfordert die Bedrohung durch Cyber Crime generell ein Höchstmaß an IT-Sicherheit in den Unternehmen. Daher sollte man für diese Aufgabe auf Spezialisten und moderne und sichere IT-Lösungen zurückgreifen – wie generell in allen sensiblen Unternehmensbereichen.

Wie ein sicherer Datenzugriff erfolgen kann, zeigen wir z. B. mit unserem Fernwartungs-Tool beim „Smart Service“: Für den Online-Support wird jede Allrounder-Spritzgießmaschine mit einem Servicerouter und integrierter Firewall ausgerüstet. Für den Fernzugriff schaltet der Kunde aktiv eine einzelne Maschine frei. Dann wählt sich Arburg auf diese Maschine ein und greift über eine verschlüsselte Datenverbindung auf die Steuerung vor Ort zu. Anschließend trennt der Bediener die Verbindung wieder.

Arburg Industrie 4.0 - Digitalisierung
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Welche Herausforderungen erwarten die Fertigungsindustrie in den kommenden Jahren?

Die Fertigungsindustrie wird konfrontiert mit immer komplexer werdenden Prozessen, die dennoch einfach beherrschbar bleiben sollen. Hier ist die Integration von IT-Lösungen in den Produktionsprozess gefragt – auch mit dem Ziel, die Wertschöpfung, Produktionseffizienz und Prozesssicherheit zu steigern. Um die Wettbewerbs­fähigkeit zu sichern und langfristig auszubauen, sollten sich Unternehmen so früh wie möglich mit dieser Thematik befassen, die heute unter dem Namen „Industrie 4.0“ immer mehr Fahrt aufnimmt.

Die digitale Fabrik der Zukunft wird selbst steuern und optimieren. Das heißt, die Produktionsdaten werden nicht mehr zentral verwaltet, sondern mobil dezentral angezeigt und ausgewertet. Die Chancen liegen auf der Hand: Mit Industrie 4.0 lassen sich die Produktionsprozesse oftmals effizienter, flexibler und transparenter machen und die Stückkosten reduzieren. Durch Einbinden des Kunden mit seinen Wünschen in die Wertschöpfungskette lassen sich darüber hinaus ganz neue Geschäftsmodelle realisieren und Großserienteile individualisieren. Die Herausforde­rung liegt in einer automatisierten, flexiblen Fertigung – auch und gerade bei häufigen Produktwechseln und kleineren Stückzahlen werthaltiger Produkte –, ohne auf die Effizienz und Wirtschaftlichkeit einer Großserien­fertigung zu verzichten.

Arburg Industrie 4.0 - Digitalisierung
Standardluftbild, Kundencenter, BA 21, BA 22, Parkhaus, Baustelle Messelager

Welche Rolle spielt der Standort Baden-Württemberg für Sie?

Baden-Württemberg ist ein Land der Tüftler und Denker und die Wiege des Maschinenbaus. Seit der Gründung des Unternehmens 1923  produzieren wir ausschließlich in Loßburg und investieren kontinuierlich in das deutsche Stammwerk. Hier sind wir zuhause und hier finden wir optimale Bedingungen für die Entwicklung und Fertigung unserer Allrounder-Spritzgießmaschinen und unseres Freeformers für die industrielle additive Fertigung. Von den weltweit rund 2.700 Mitarbeitern arbeiten rund 2.200 in Deutschland. Unser Seniorchef Eugen Hehl bekam im Jahr 2015 für sein Lebenswerk den „Kompetenzpreis für Innovation und Qualität Baden-Württemberg“ verliehen und im Mai 2017 wurde Arburg beim Wettbewerb „100 Orte für Industrie 4.0 in Baden-Württemberg“ von der Netzwerkinitiative „Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg“ ausgezeichnet. Darauf sind wir stolz. Das wird auch mit unserem Markenversprechen deutlich: „Wir sind da.“ beschreibt, dass wir über die unbestrittenen technologischen Leistungen immer da sind, wo unsere Kunden sind – regional, technologisch, mental, physisch. Wir sind der global aufgestellte Marktführer – mit starker Verwurzelung im Schwarzwald.

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