Es gibt Dinge, die im Zeitalter der Digitalisierung gängige Praxis sein sollten – das Recht darauf, im Home Office arbeiten zu dürfen, ist eines davon. Ein Kommentar.

Die Corona-Krise treibt die Digitalisierung in Deutschland in einem noch nie dagewesenen Tempo voran. Mit einem Mal entdecken Arbeitgeber, dass eine Anwesenheitspflicht im Büro die Produktivität nicht zwangsläufig steigert. Ja sogar, dass manch ein Arbeitnehmer im Home Office produktiver arbeitet, weil er morgens nicht schon nach einer Stunde pendeln völlig genervt ins Büro kommt. Und all die Konferenzen, die für gewöhnlich drei Stunden pro Tag in Anspruch nehmen, sind plötzlich in 30 Minuten erledigt, weil man sich im Videocall auf das Wesentliche fokussiert und den Small Talk außen vor lässt.

Aber wehe, es spricht jemand vom „Recht auf Home Office„, wie es Arbeitsminister Heil jüngst getan hat. Dann ist die Aufregung plötzlich riesig. Und es werden alle Möglichen Gründe und Argumente vorgebracht, warum es kein Gesetz für ein Recht auf Home Office geben sollte. So nennt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Recht auf Home Office einen „Ladenhüter“ – und macht damit umso deutlicher, dass es genau so ein Gesetz braucht. Und zwar genau jetzt.

Das Home Office braucht einen gesetzlichen Rahmen

Ich arbeite seit über zwölf Jahren im Home Office. Oder eben Remote. Ich kann am Strand auf Bali ebenso produktiv sein, wie im Großraumbüro in Karlsruhe. Letztendlich ist das alles nur eine Sache der technischen Ausstattung und der persönlichen Einstellung. Sogar mit Kindern im Haushalt ist Home Office möglich.

Ich habe viele Freunde, die in Berufen tätig sind, in denen es problemlos möglich wäre, ein paar Tage pro Woche im Home Office zu arbeiten. Vieles wäre dadurch für sie einfacher: Sie müssten keine wertvolle Lebenszeit mit Pendeln verbringen, hätten weniger Stress, aber dafür mehr Zeit mit der Familie. Ganz zu schweigen von der Verbesserung der persönlichen Ökobilanz. Und trotzdem begeben sie sich ins Büro. Tag ein, Tag aus.

Warum tun sie das? Nun:

  • „Wir haben das schon immer so gemacht!“: In vielen Unternehmen hält man schlichtweg an veralteten Strukturen fest. Der Arbeitnehmer hat morgens zur Arbeit zu erscheinen und seine Zeit abzusitzen. Punkt. Daran gibt es auch nichts zu rütteln.
  • Kontrolle: Es gibt Unternehmen, die ihren Mitarbeitern offiziell Home Office anbieten – meist um sich einen modernen Anstrich zu geben. Aber unter der Hand weiß jeder, dass es nicht gerne gesehen wird. Denn Mitarbeiter müssen ja kontrolliert werden und das geht nunmal am besten bei physischer Anwesenheit.
  • Fehlende Investitionsbereitschaft: Wenn es nicht am Vertrauen in die Mitarbeiter scheitert, dann oft an der Technik. Denn die IT-Infrastruktur eines Unternehmens muss natürlich auf Remote Working ausgelegt sein. Zudem müssen die Mitarbeiter entsprechend ausgestattet werden. Und all das kostet Geld.

Keines dieser Argumente hält einer genaueren Betrachtung stand. Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass Arbeitnehmer im Home Office sogar produktiver sind, als im Büro – und daheim keineswegs „eine ruhige Kugel schieben“, wie das viele Vorgesetzte befürchten. Was die Kosten angeht, so kann man den Mitarbeitern ein MacBook zur Verfügung stellen, dass diese sowohl im Büro als auch zu Hause nutzen können. So ist das in manchen Betrieben schon seit Jahren üblich. Auch das Argument, dass Arbeitgeber dann zwei Arbeitsplätze einrichten müssten, läuft völlig ins Leere. Im Gegenteil: Wenn nur noch ein Teil der Belegschaft im Büro arbeitet, reichen kleinere Büroflächen aus. Das wiederum spart Kosten.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in vielen Betrieben die Arbeit im Home Office problemlos möglich ist. Doch anstatt das als Chance zu begreifen und endlich altertümliche Strukturen zu durchbrechen, scheinen viele Arbeitgeber schnellstmöglich zum Status quo zurück zu wollen. Das zu verhindern ist nun die Aufgabe der Politik – und ein gesetzlich verankertes „Recht auf Home Office“ die einzige Möglichkeit, wie die Reaktion der Arbeitgeberverbände gezeigt hat.

Ein Recht auf Home Office bedingt keine Pflicht

Es ist schon spanned, zu beobachten, wie die Diskussionen rund um das „Recht auf Home Office“ geführt werden. Häufig wird dabei versucht, so zu tun, als ob jeder dazu verpflichtet werden soll, künftig im Home Office zu arbeiten. Aber darum geht es überhaupt nicht.

Die Welt, in der wir leben, hat sich verändert. Durch die Digitalisierung eröffnen sich für uns beruflich sowie privat völlig neue Möglichkeiten. Oder besser gesagt Chancen. Zum Beispiel die Chance, sich täglich zwei Stunden Pendelzeit zu ersparen, weil man seine Arbeit auch von zu Hause aus erledigen kann. Das schont die Nerven und die Umwelt.

Niemand behauptet, dass man jeden Beruf im Home Office ausüben kann. Niemand will Menschen, die gerne mit ihren Kollegen im Büro arbeiten, dazu zwingen, den Tag im Home Office zu verbringen. Beim Recht auf Home Office geht es vielmehr darum, dass diejenigen, die problemlos daheim arbeiten können und das auch möchten, daran nicht von kontrollwütigen Vorgesetzten (grundlos) gehindert werden. Es geht darum, Unternehmen zu zwingen, sich mit der Zukunft der Arbeit auseinanderzusetzen und entsprechende Strukturen zu schaffen. Das mag nicht jedem gefallen, aber es ist notwendig.

Natürlich gelingt das nicht von heute auf morgen. Es müssen noch viele Hürden genommen werden – nicht zuletzt was die Verfügbarkeit von schnellem Internet angeht. Aber wenn selbst eine Pandemie bei vielen Unternehmen zu keinem Umdenken führt, dann bleibt eben nur noch der Weg über Gesetze.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.
Frank Feil
Frank Feil, Jahrgang 1986, berät und schult regionale sowie überregionale Unternehmen in den Bereichen Social Media und Corporate Publishing. Zudem ist er als freier Autor tätig. Schon von Kindesbeinen an fasziniert ihn alles, was mit Technik und dem Internet zu tun hat. Seit 2006 ist er als Blogger und Community Manager im Netz unterwegs.