Seit Jahren wird in Deutschland über die Digitalisierung diskutiert. Passiert ist leider wenig. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun ausgerechnet die Corona-Krise der Digitalisierung zum Durchbruch verhilft. Ein Kommentar.

„Den größten Auftrieb für die Digitalisierung in Deutschland aller Zeiten,“ sieht Hannes Ametsreiter, der Deutschland-Chef von Vodafone, in der Corona-Krise. Allein der Internet-Datenverkehr sei um 40 Prozent gestiegen. Der Sozialwissenschaftler Tilman Santarius vermag in den aktuellen Entwicklungen „einen riesigen Sprung Richtung Digitalisierung“ zu erkennen. Und Andreas Lutz, Vorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen, sprach in einem DPA-Interview gar von einem „Crashkurs in Sachen Digitalisierung für uns alle.“

Recht haben sie!

Unternehmen entdecken Remote Working für sich

Ich arbeite inzwischen seit über 12 Jahren remote. Das heißt entweder vom Home Office aus, oder von irgendwo auf der Welt. Im Social Media Marketing ist das problemlos möglich – und hilft mitunter sogar dabei, den Horizont regelmäßig zu erweitern. Umso erstaunter war ich, als ich 2016 mit einem der führenden Technologiekonzerne dieser Welt über eine Position als Community Manager sprach. Eine Stelle, die prädestiniert war, für Remote Working. Die zuständige Abteilungsleiterin sah das allerdings anders: „Wir möchten jemanden, der hier im Büro sitzt.“

Dieses Gespräch hat mir damals eindrucksvoll vor Augen geführt, wie konservativ selbst nach außen „hippe“ Unternehmen hierzulande eigentlich sind – andernorts sieht es nicht besser aus. Kaum einer meiner Freunde und Bekannten, die bei kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt sind, durfte bislang im Home Office arbeiten. Und selbst wenn es theoretisch erlaubt war, so scheiterte es am Ende meist an den technischen Voraussetzungen und der schlechten IT-Ausstattung.

Selbiges gilt für Meetings und Konferenzen. Während es einige Unternehmen gibt, die schon seit vielen Jahren versuchen, unnötige Geschäftsreisen im Sinne der Effizienz und des Umweltschutzes durch Videocalls auf ein Minimum zu reduzieren, fliegen andere selbst für ein zweistündiges Strategiemeeting mit einer Delegation von fünf Mitarbeitern um die halbe Welt. „Das haben wir schon immer so gemacht – und diese neumodischen Videokonferenzen scheitern bei uns sowieso immer an der Technik,“ hieß es dann.

Doch dann kam im Frühjahr 2020 das Corona-Virus auch in Deutschland an – und zwang hiesige Unternehmen dazu, nicht nur auf Geschäftsreisen zu verzichten, sondern den Mitarbeitern auch die Möglichkeit zu geben, im Home Office zu arbeiten. Die erstaunliche Erkenntnis vieler Geschäftsführer: Man kann auch in einem kurzen Videocall wichtige Themen besprechen und die Mitarbeiter sind im Home Office nicht weniger effizient, als im Großraumbüro.

Im Gegenteil. Durch den Einsatz digitaler Lösungen lassen sich viele Prozesse effizienter, komfortabler und – als netten Nebeneffekt – sogar klimafreundlicher gestalten.

Und plötzlich ist alles möglich

Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen erlebt man dieser Tage, dass das Unmögliche möglich wir:

  • Kultusministerien, Schulen und Lehrkräfte, die jahrelang nichts vom digitalen Lernen wissen wollten, setzen plötzlich auf E-Learning-Plattformen, um den Unterricht zumindest in Teilen aufrechtzuerhalten – und stellen dabei fest, dass digitale Lerninhalte ganz andere Möglichkeiten bieten, als angestaubte Schulbücher und Übungshefte, aus denen seit Jahrzehnten allmorgendlich die Aufgaben rauskopiert werden.
  • Restaurants, die bislang weder eine Website noch einen Auftritt in den sozialen Medien hatten, schalten plötzlich Werbung bei Facebook und bieten sogar Online-Bestellungen an.
  • Ärzte, die sich bislang weigerten, auch nur einen Termin per E-Mail zu vergeben, richten für ihre Patienten Online-Video-Sprechstunden ein.
  • Bäckereien, in denen der Leitsatz „Nur Bares is Wahres“ über Jahrzehnte gelebt wurde, weisen von einem Tag auf den anderen aktiv darauf hin, dass man – falls möglich – kontaktlos mit Apple Pay bezahlen soll.

Die Lehren für die (digitale) Zukunft

Die Corona-Krise hat Deutschland aus dem digitalen Dornröschenschlaf erweckt. Vom kleinen Einzelhändler bis hin zum Konzern-CEO entdecken nun Menschen in ganz Deutschland das Potenzial digitaler Lösungen.

Das bedeutet nicht, dass künftig jeder Arbeitnehmer im Home Office arbeiten wird und auch nicht jede Sprechstunde beim Arzt, wird durch einen Skype-Call ersetzt werden. Auch Schüler werden weiterhin Klassenarbeiten mit Papier und Füller schreiben und Bäckereien Bargeld akzeptieren. Aber es wird ein Umdenken stattfinden. Generell zeigt sich schon jetzt eine höhere Bereitschaft, digitale Prozesse auch künftig in den (Arbeits)alltag zu integrieren.

Das gilt übrigens nicht nur für die Privatwirtschaft, sondern vor allem auch für die öffentliche Verwaltung. Denn gerade Ämter und Behörden haben dieser Tage massive Probleme, da sie aufgrund ihrer Strukturen nicht einfach im Home Office arbeiten können und ihnen oftmals keine digitalen Kanäle zur Kommunikation mit den Menschen zur Verfügung stehen. Hier muss auf staatlicher Ebene dringend und schnell nachgebessert werden, um für künftige Krisen gewappnet zu sein.

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Frank Feil
Frank Feil, Jahrgang 1986, berät und schult regionale sowie überregionale Unternehmen in den Bereichen Social Media und Corporate Publishing. Zudem ist er als freier Autor tätig. Schon von Kindesbeinen an fasziniert ihn alles, was mit Technik und dem Internet zu tun hat. Seit 2006 ist er als Blogger und Community Manager im Netz unterwegs.