Beim Betreten des südlichen Lichthofs im Karlsruher Medienmuseum ZKM werden die Besucher seit einigen Wochen komplett gescannt. Und damit nicht genug, neben den in Echtzeit gefilmtem Portrait-Aufnahmen wird auch noch die Größe und das durch intelligente Bildauswertung ermittelte Alter der Besucher angezeigt.

Die digitale Durchleuchtung sowie die überaus präzise Altersschätzung ist in diesem Fall aber nicht einem neuen Sicherheitskonzepts geschuldet, sondern ein wichtiger Bestandteil der Installation „YOU:R:CODE“ am Eingangsbereich der Ausstellung „Open Codes“. Beim Multimediaprojekt des Karlsruher Künstlers Bernd Lintermann können die Besucher nämlich auf sechs Projektionsflächen ihr eigenes Ebenbild von der analogen in die digitale Welt transformieren. Die Reise beginnt dabei vor einem analogen Spiegel und endet mit der Umwandlung der menschlichen DNA in Computerdaten. Der doppeldeutige Titel – „YOU:R:CODE“ kann als „Your Code“(dein Code) und als „You are Code“(Du bist ein Code) ausgesprochen werden – von Lintermanns Installation ist dabei ganz im Sinne der Erfinder. Denn auch sonst steht der schmale Grat zwischen analogen und digitalen Welten im Fokus der von ZKM-Leiter Peter Weibel konzipierten Sonderausstellung.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.

Digitale Codes bilden den Zugang zur künstlichen Lebenswelt

„Unsere Lebenswelt besteht heute zu wesentlichen Teilen aus einer künstlichen, vom Menschen gemachten Datenwelt. Und den Zugang zu dieser Welt bilden digitale Codes“, sagt Weibel. Auf über 1.000 Quadratmetern Fläche präsentieren rund 100 Medienkünstler ihre Installationen und Dank des direkten Bezugs auf wissenschaftliche Anwendungen wird dabei auch der Bogen von der Anfängen der Kryptographie bis ins hier und heute gespannt und historische Deschiffriermaschinen wie die legendäre Enigma sind ebenso ein Teil der Ausstellung wie moderne Unterhaltungselektronik. „Die Digitalisierung der Gesellschaft erfolgte in drei Schritten“, betont Weibel. Zunächst einmal wurde durch Sir Isaac Newton die Mathematisierung der Physik vorangetrieben, dann begann durch George Bool die Mathematisierung des Denkens. Spätestens seit Claude Shannon ist nach Weibels Ansicht die Informationstechnologie auf dem Vormarsch und dringt in Verbindung mit den beiden Mathematisierungen in die Gesellschaft ein.

Das Multimediaprojekt YOU:R:CODE von Bernd Lintermann. (Bild: © Felix Grünschloß)

Wie sehr die digitale Entwicklung den Alltag der menschlichen Nutzer bereits heute prägt und beeinflusst, wird unter anderen bei der Installation „Daten/Spuren“ von Alex Wenger und Max-Gerd Retzlaff deutlich. Die durch Smartphones und Tablets erzeugten elektronischen Fingerabdrücke der Museumsgäste werden dabei übers Funknetz erfasst und auf einem Monitor angezeigt. Durch die visuelle Darstellung der einzelnen ID-Nummern werden sogar die Verknüpfungen zwischen den einzelnen mobilen Endgeräten sowie ihr Weg durch den Lichthof aufgezeigt.

Roboter verfasst Manifest für utopische Mensch-Maschine-Gesellschaft

Als Zentrum für Kunst und Medien ist das ZKM für Weibel der ideale Ort für eine bürgernahe Aufbereitung des Themas. Zum Nachdenken über die heutigen Beziehungen zwischen Menschen und Maschinen animiert vor allem der orangefarbene Industrieroboter, den die Künstlergruppe „robotlab“ in der Mitte des Lichthofs platziert hat. Schier unermüdlich schreibt der programmierte Roboterarm Thesen seines Manifests für eine utopische Mensch-Maschine-Gesellschaft gestochen scharf auf edle Papierbögen. Fast schon wie Satire erscheint dagegen die Fotografie „Autonomous Trap“ des britischen Künstlers James Bridle. Ein Auto steht auf dem Parkplatz in einem Kreis aus Salz. Weil der autonom fahrende Kleinwagen wegen seiner Programmierung keine durchgängigen weißen Fahrbahnmarkierungen überqueren darf, ist die nur wenige Meter entfernte Passstraße im griechischen Parnass-Gebirge quasi unerreichbar.

Mit der direkten Konfrontation von menschlicher und technischer Intelligenz will Weibel die Grenzen der bisherigen Evolutionsgeschichte aufzeigen. „Evolution bedeutet Weiterentwicklung und Höherentwicklung“, sagt Weibel. Seiner Einschätzung nach werden sich die analogen Welten künftig aber genauso wenig weiterentwickeln wie Nashörner. „Nur die digitalen Welten sind zukunftsfähig“, betont Weibel. Die Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs zwischen Mensch und Maschine sieht der ZKM-Chef allerdings nicht, schließlich lebten auch heute noch frühere Lebewesen wie die Krokodile mit weiter entwickelten Tieren koexistent zusammen. „Die digitalen Werkzeuge werden zu Co-Piloten des Homo Sapiens“, prognostiziert Weibel, und nur durch eine nachhaltige Nutzung der modernen Technik könnte die Menschheit die globalen Probleme künftig in den Griff bekommen.

Tischtennis und Tischfußball sorgen für analoge Entspannung

Außer Schauen, Staunen und Nachdenken ist bei „Open Codes“ auch Mitmachen ausdrücklich erlaubt. Einige der Werke laden zur Interaktion ein und sogar die Ausdrucke des Mensch-Maschinen-Manifests mit prägnanten Sätzen wie „Kein Apparat darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden“ dürfen als Andenken mit nach Hause genommen werden. Beim Rahmenprogramm hat das ZKM ebenfalls neue Wege beschritten. Der Eintritt in die Ausstellung ist frei und zudem stehen an dezentral im Lichthof verteilten Schalen kleine Snacks und Naschereien gegen Hungerast und Unterzucker bereit. Gegen die Ausstellungsmüdigkeit hilft ein kostenfreier Becher Cappuccino aus dem Kaffeeautomaten. „Ein Museum ist ein Ort der Bürgerbildung. Und im 21. Jahrhundert muss der Erwerb von Wissen schließlich belohnt werden“, nennt Weibel den Grund für diese ungewöhnliche Form der Museumspädagogik. Ausruhen und Verweilen können die wissensdurstigen Besucher an einer Sitzgruppe neben dem Kaffeeautomaten, Arbeiten in mehreren kuscheligen Sitzbüros mit Sichtschutzwänden.

Mit Sitzgruppen und kostenlosen Snacks lädt das ZKM zum Verweilen ein. (Bild: © Felix Grünschloß)

Wer sich nach der Auseinandersetzung mit zahlreichen digitalen Installationen nach körperlicher Ertüchtigung sehnt, kommt bei den „Open Codes“ ebenfalls auf seine Kosten. Ein Tischfußballspiel steht nämlich ebenso zum analogen Zocken bereit wie eine knallbunte Designer-Tischtennisplatte inklusive Schläger und Bällen. Die Tischtennisplatte wurde vom Designerduo „Butternutten AG“ extra für die Ausstellung angefertigt und soll die Spieler durch mehrfarbige Rechteckmuster auf der genormten Oberfläche zum kreativen Ausprobieren von neuen Spielformen animieren. Das Tischfußballspiel ist dagegen einfach nur ein ganz normaler Kicker.

Die Sonderausstellung „Open Codes“ läuft noch bis zum 5. August 2018 im Medienmuseum ZKM in der Lorenzstraße 19 in 76135 Karlsruhe.

Öffnungszeiten sind Mittwoch und Freitag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 22 Uhr, Samstag von 14 bis 18 Uhr und Sonntag von 11 bis 18 Uhr.

Inhalte nicht verfügbar.
Bitte erlauben Sie Cookies durch ein Klick auf Akzeptieren.