Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt in den kommenden Jahren nachhaltig verändern. Dieser Wandel bietet Chancen, ist aber auch mit Risiken verbunden. Vor allem im Niedriglohnsektor braucht es deshalb Regeln. Ein Kommentar.

Wenn über die Digitalisierung der Arbeitswelt gesprochen wird, kommen vielen Begriffe wie New Work, Home Office oder Remote Work in den Sinn. Vor allem die Corona-Pandemie hat  diesen neuen Arbeitsformen viel Aufmerksamkeit beschert. Schon jetzt steht fest, dass Unternehmen auch in Zukunft flexible Arbeitszeitmodelle und Home Office-Regelungen anbieten müssen, um bei hochqualifizierten Fachkräften überhaupt noch eine Chance zu haben. Auch an die Gestaltung der Büros sowie die technische Ausstattung der Mitarbeiter*innen werden inzwischen völlig neue Anforderungen gestellt, denen die Firmen gerecht werden müssen.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn während der Digitalisierung in bestimmten Berufen „Luxusprobleme“ wie die Work-Life-Balance auf die Agenda gesetzt hat, birgt sie insbesondere für die Beschäftigen im Niedriglohnsektor eine Vielzahl von Problemen, über die in der Öffentlichkeit nur selten gesprochen wird.

Arbeit auf Abruf: Flexibilität, die ihren Preis hat

Es ist Donnerstagnachmittag. Man sitzt im Home Office und hat irgendwie so gar keine Lust zu kochen. Also schnappt man sich sein Smartphone, öffnet die Lieferando-App und bestellt etwas bei seinem Lieblings-Restaurant. Noch während des Essens kommt eine E-Mail, dass man zur Vorbereitung einer wichtigen Präsentation noch etwas im Büro abholen muss. Leicht genervt öffnet man die Uber-App und schon ein paar Minuten später steht der Fahrer vor der Tür. Schöne neue Welt!

Auf demselben Prinzip basieren inzwischen unzählige Dienstleistungen, die in den vergangenen Jahren in unser Leben Einzug gehalten haben. Egal, ob Lieferdienste, Chauffeure, Handwerker oder Reinigungskräfte – es gibt inzwischen kaum noch Dienstleistungen, die nicht über eine App auf Abruf gebucht werden können.

Das ist für die Nutzer*innen bequem, keine Frage. Und tatsächlich gibt es viele Menschen, die ihren festen Beruf aufgeben, um für eben solche Plattformen zu arbeiten. Denn alle werben mit dem gleichen Versprechen: Sei dein eigener Chef und verdiene gutes Geld! Unterstrichen wird diese Botschaft meistens durch fiktive Hochrechnungen, die zeigen sollen, dass man beispielsweise als Uber-Fahrer einen höheren Stundenlohn als in der Festanstellung erzielen kann.

Themen wie Sozialleistungen, Urlaub, Arbeitsschutz oder die Kosten für Arbeitsmittel (Auto, Fahrrad, etc.) fallen dabei allerdings häufig unter den Tisch. Betrachtet man alle Kosten, kommen viele der „digitalen Tagelöhner“ nicht einmal mehr auf den Mindestlohn. Ein effektiver Verdienst von fünf bis sieben Euro pro Stunde ist für viele Menschen, die in Großstädten mit dem Fahrrad das Essen ausliefern, keine Seltenheit. Noch nicht berücksichtigt sind hier Kundenbeschwerden oder Fehler, die den ausgezahlten Betrag zusätzlich verringern oder gar zu einer kompletten Sperre führen können.

Ein prominentes Beispiel für die Probleme des „Plattform-Kapitalismus“ ist Deliveroo. Als sich der Lieferdienst 2019 dazu entschied, sich aus Deutschland zurückzuziehen, waren rund 1000 Fahrer*innen quasi über Nacht arbeitslos. Die Kündigung erfolgte per E-Mail. Ein Anspruch auf Arbeitslosengeld oder eine Abfindung bestand nicht, da die Fahrer*innen freiberuflich tätig waren.

Die Digitalisierung der Arbeit braucht neue Regeln und Modelle

Dass es auch anders geht, zeigen Modelle wie „Up & Go“ aus den USA. Das Prinzip ist ähnlich, wie bei den großen Plattformen, allerdings haben sich die Reinigungskräfte hier genossenschaftlich zusammengeschlossen. Das bedeutet, dass jede Reinigungskraft zugleich auch Eigentümer*in des Unternehmen ist. Das gewährleistet nicht nur ein Mitbestimmungsrecht bei allen Entscheidungen, sondern auch eine gewisse Sicherheit.

Leider sind solche Modelle bislang nicht mehr als kleine Pilotprojekte, die nahezu chancenlos gegen die großen Anbieter sind. Zumal viele der einstigen Start-ups inzwischen ein Quasi-Monopol in ihrem jeweiligen Bereich besitzen. Hier bleibt nur eine staatliche Regulierung, um zumindest ein paar grundlegende Spielregeln zu definieren. Dass das den Plattformen nicht schadet, zeigt beispielsweise Airbnb. In weltweit immer mehr Städten ist es verboten, Wohnungen zu kaufen oder zu besitzen, um diese ausschließlich über Airbnb zu vermieten und so höhere Einnahmen zu erzielen, als bei einer klassischen Vermietung. Das tut der Beliebtheit von Airbnb keinen Abbruch, sorgt aber dafür, dass die Wohnungsnot in Metropolen nicht noch größer wird. Am Ende des Tages regelt der Market eben doch nicht alles. Auch nicht im Zeitalter der Digitalisierung.

Frank Feil, Jahrgang 1986, berät und schult regionale sowie überregionale Unternehmen in den Bereichen Social Media und Corporate Publishing. Zudem ist er als freier Autor tätig. Schon von Kindesbeinen an fasziniert ihn alles, was mit Technik und dem Internet zu tun hat. Seit 2006 ist er als Blogger und Community Manager im Netz unterwegs.