Es gibt berechtigte Gründe, den hoch verschuldeten europäischen Telekommunikationssektor mit Vorsicht zu behandeln. Doch Anlagen in Titel von Unternehmen, die Mobilfunkmasten besitzen und betreiben, haben sich ausgezahlt. Erhebliche Schuldenlasten, erdrückende regulatorische Vorschriften und kostspielige Investitionsprojekte zur Einführung von Hochgeschwindigkeitsdatennetzen – man kann es Anlegern nicht verdenken, wenn sie den Telekommunikationssektor für eine unattraktive Anlage halten.

In mancherlei Hinsicht haben sie durchaus Recht. Die Nettoverschuldung im europäischen Telekommunikationssektor ist mit durchschnittlich mehr als dem Dreifachen des Gewinns vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und sonstigen Finanzierungsaufwendungen (EBITDA) sehr hoch. Da das Umsatzwachstum dieser Unternehmen nahezu null beträgt und sich die Umsetzung wichtiger Investitionsvorhaben abzeichnet, dürfte ihre Verschuldung wohl kaum wesentlich zurückgehen – wenn überhaupt.

Es überrascht daher nicht, dass Research-Analysten den Sektor mit Vorsicht behandeln – einer Vorsicht, die sich in der Vergangenheit als gerechtfertigt erwiesen hat. In den vergangenen drei Jahren enttäuschte die Performance des Sektors. So büßte der Stoxx Europe 600 Telecommunications Index fast ein Viertel ein (bis zum 10. Mai 2019).

Doch das bedeutet nicht, dass sich im Telekommunikationssektor keine Gewinne erzielen lassen. Weit gefehlt! Zwar ist bei der Titelauswahl im Telekommunikationssektor allgemein Vorsicht geboten, doch viele Analysten schätzen Betreiber von Mobilfunkmasten, die die Infrastruktur für die Übertragung des Datenverkehrs in Mobilfunknetzen bieten, positiv ein.

Die starke, schnell zunehmende Nachfrage nach Mobilfunkdaten, die insbesondere durch die sozialen Medien und Videostreaming von unterwegs beflügelt wird, lässt sich nicht leugnen. Es wird erwartet, dass sich dieses Wachstum mit der Verbreitung von 5G-Netzwerken fortsetzen wird, die noch raschere Downloads mit verbesserter Latenz (kürzerer Reaktionszeit) ermöglichen. Letzteres ist insbesondere für die wachsende Anzahl von Online- Gamern attraktiv.

Das Problem für Mobilfunkanbieter bestand bisher darin, dass sich diese starke Nachfrage nur schwierig monetarisieren ließ. In Europa herrschte zu viel Wettbewerb unter den Mobilfunkanbietern, was die Preissetzungsmacht der Betreiber begrenzte.

Betreiber von Mobilfunkmasten monetarisieren den wachsenden Datenverkehr

Bei den Besitzern und Betreibern der Mobilfunkmasten, auf denen die für die Übertragung des Datenverkehrs notwendige Ausrüstung befestigt ist, verhielt sich die Sache allerdings vollkommen anders. Sie übertrafen die Mobilfunkanbieter in puncto Umsatz- und Gewinnwachstum deutlich. Aufgrund der Zunahme des Datenverkehrs müssen die Anbieter mehr elektronische Geräte auf den Türmen befestigen. Dies wiederum schlägt sich in höheren Zahlungen an die Betreiber der Masten nieder. In den letzten Jahren führte dies zu deutlichen Neubewertungen dieser Unternehmen. Der spanische Infrastrukturbetreiber Cellnex (18,6x) und Inwit (21,99x), eine börsennotierte Tochter von Telecom Italia, werden nun zu mehr als dem Dreifachen der Bewertungen bedeutender europäischer Mobilfunknetzbetreiber wie Vodafone gehandelt.

Mobilfunkmastbetreiber leisteten einen erheblichen Beitrag zur Performance vieler Investmentfonds, die diese Positionen hielten. Doch mittlerweile werden diese Unternehmen deutlich näher an ihrer angemessenen Bewertung gehandelt. Die nächsten Chancen könnten bei den Mobilfunkbetreibern zu finden sein. In den USA begannen die Mobilfunkbetreiber vor etwa 20 Jahren, ihr Mobilfunkmastgeschäft zu veräußern. Doch in Europa befinden sich die Masten, über die der Datenverkehr übertragen wird, häufig noch im Eigentum der Betreiber.

In den vergangenen fünf Jahren kam es am europäischen Markt für Mobilfunkmasten zu einer Konsolidierung. Im Zuge dessen wurden zahlreiche Infrastruktur-Joint Ventures sowie börsennotierte Gesellschaften wie Cellnex und Inwit gegründet. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Trend sich in diesem Jahr verstärken wird, da die CEOs von Mobilfunkbetreibern bestrebt sind, einige dieser wertvollen Anlagen zu monetarisieren, um Schulden abzubauen und Kosten zu sparen, indem sie gemeinsam die Einführung von 5G-Netzwerken betreiben.

Chancen für Mobilfunktreiber

Nick Read, der seit dem vergangenen Jahr als CEO an der Spitze von Vodafone steht, deutete an, dass der Mobilfunkbetreiber die europäischen Masten in seinem direkten Eigentum zwecks Schuldenabbau veräußern könnte. Vodafone begann Diskussionen über die Zusammenlegung seiner Türme in Italien mit Inwit und signalisierte, dass CTIL, sein Joint Venture mit dem Konkurrenten O2 in Großbritannien, veräußert werden könnte.

Andere europäische Mobilfunkbetreiber scheinen ähnliche Schritte zu erwägen: In Frankreich vereinbarte der Telekommunikationskonzern Iliad vor Kurzem den Verkauf von fast 6.000 Mobilfunkmasten in Frankreich und 2.000 Masten in Italien an Cellnex.

Für Mobilfunkbetreiber können die finanziellen Anreize überzeugend sein. Vodafone könnte 11.000 Masten an Inwit verkaufen. Mit der Veräußerung könnte das Unternehmen 2 Milliarden Euro an liquiden Mitteln erzielen und eine Beteiligung von 30 % an einem Unternehmen eingehen, das 10 Milliarden Euro wert ist. Ähnliche Geschäfte sind auch in anderen europäischen Ländern denkbar, vor allem in Spanien und Deutschland. Wenn Vodafone ähnlich strukturierte Geschäfte mit seinen Masten auf dem ganzen Kontinent schließen würde, könnte sich das Unternehmen 12 Milliarden Euro in bar sichern und Synergien im Wert von 3,5 Milliarden Euro erzielen, sein Betriebsergebnis steigern und seine gegenwärtige Nettoverschuldung von 27 Milliarden Euro deutlich reduzieren.