Welches Potenzial steckt in dezentralen Blockchain-Netzwerken? Wie funktionieren sie? Und welche Chancen und Möglichkeiten bietet der Einsatz im europäischen Finanzwesen? Tobias Stöhr, Börsenexperte und Sales Executive der digitalen Handelsplattform Spectrum Markets, liefert interessante Einblicke in die neue Technologie – und ein erfolgreiches Umsetzungsbeispiel.

Ob Internet, Smartphone, digitale Dateiformate, moderne Cloud-Lösungen, 3D-Druck oder innovative plattformbasierte Anwendungen – disruptive Technologien verändern derzeit das Leben quer durch alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft so dramatisch wie selten zuvor. Mit radikalen Innovationen werden bestehende Geschäftsmodelle, Produkte und Prozessabläufe auf den Kopf gestellt, Märkte komplett neu aufgemischt und langjährig bestehende Strukturen teilweise obsolet.

Parallel zur fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung wachsen die Herausforderungen mit Blick auf die geforderte Schnelligkeit, Sicherheit und Transparenz für alle Marktteilnehmer deutlich – das bekommt nicht zuletzt auch der Finanzsektor zu spüren. Mit den Bemühungen, den Zahlungsverkehr sowie Handel und Abrechnung von Wertpapieren international zu harmonisieren und zu integrieren, steigen die Anforderungen an IT-Systeme und die Regulierung der Märkte. Gefragt sind angesichts dynamisch wachsender Volumina möglichst schlanke, einfach automatisierbare und skalierbare Geschäftsprozesse, einheitliche Anbindungen an die Marktinfrastrukturen des Eurosystems sowie eine hocheffiziente Abwicklung, die nationale und grenzüberschreitende Transaktionen möglichst in Echtzeit realisiert.

Blockchain – alle Infos manipulationssicher im Datenblock

Mit Verweis auf die ambitionierten Anforderungen haben es teils überfrachtete IT-Altsysteme, die auf Neuerungen nur reagieren statt proaktiv agieren können, in der Praxis schwer, mitzuhalten: So fallen dort häufig durch mangelnde Systemschnittstellen unnötige Doppelerfassungen von Daten sowie zeitraubende Prüfungen durch Dritte an. Ebenso problematisch sind Sicherheitsaspekte bei bestehenden Aufzeichnungssystemen und mangelnde Transparenz. Abhilfe verspricht eine völlig neue Technologie, die zwar hauptsächlich in Verbindung mit innovativen Kryptowährungen und Krypto-Assets gebracht wird, aber in Zukunft ihr Potenzial in verschiedensten Bereichen des Finanz- und Versicherungswesens sowie der gesamten Wirtschaft bis hin zu Logistikunternehmen entfalten dürfte: die Rede ist von Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie (DLT).

Was genau verbirgt sich hinter dieser noch so jungen Technologie? Vereinfacht gesprochen handelt es sich um eine dezentrale, öffentlich geführte Datenbank (Distributed Ledger) zum Austausch von Daten und Informationen für einzelne Transaktionen. Sogenannte „Intelligente Verträge“ oder „Smart Contracts“ regeln die dazugehörigen Bedingungen. Im Distributed Ledger werden die Transaktionen einmalig und blockweise pro Vorgang aufgezeichnet, wobei alle Teilnehmer stets aktuell Zugriff auf den damit verbundenen Transaktionsdatensatz haben. Dieser ist weder veränderbar noch manipulierbar, denn jeder Datenblock ist mit dem vorhergehenden und nachfolgenden Block in einer Datenkette verbunden. Eben diese Vertrauenswürdigkeit macht die besondere Stärke dieser Technologie aus. Ein Dritter – sprich ein Intermediär, über den die Transaktion abgewickelt wird – ist somit nicht mehr zwingend notwendig. Da sowohl die kaufende als auch die verkaufende Partei auf die Daten zugreifen können, werden zudem Datenabgleiche vermieden. Das spart Zeit und Kosten.

EU-Kommission ebnet Weg für innovative Technologien

Mit Verabschiedung der „Digital Finance Strategy“ durch die EU-Kommission, die zum Ziel hat,

  • die Fragmentierung des digitalen Binnenmarktes zu beseitigen,
  • digitale Innovationen zu erleichtern,
  • die datengesteuerte Finanzierung zu fördern und
  • die Herausforderungen und Risiken der digitalen Transformation zu bewältigen,

erhält auch die Blockchain-Technologie neuen Schub. So wurde unter anderem ein umfangreiches „Digital Finance Package“ auf den Weg gebracht, das zur Eindämmung von Cyber-Risiken klare Standards und Verhaltensregeln sowie Bestimmungen zu Kapitalanforderungen, zur Verwahrung von Vermögenswerten und Rechten von Anlegern gegenüber Emittenten festlegt. Andererseits erlaubt der sogenannte „Sandbox-Ansatz“ das Austesten innovativer Produkte, Geschäftsmodelle und Technologien in einem sicheren Raum unter realen Bedingungen, ohne gleich alle entsprechenden regulatorischen Anforderungen erfüllen zu müssen. So wird es möglich, Erfahrungen mit dem Einsatz von DLT in Marktinfrastrukturen zu sammeln – und gleichzeitig sicherzustellen, dass Anlegerschutz, Marktintegrität und Finanzstabilität nicht auf der Strecke bleiben.

Die Digitalisierung kann dabei Vieles verändern. So können digitale Handelsplattformen zum Beispiel verbriefte Derivate etwa auf Indizes innerhalb einer Stunde, zum Teil sogar nur innerhalb von Minuten listen, während man noch vor ein paar Jahren Tage brauchte, um solche Instrumente zu listen, weil das durch mehrere manuelle Prozesse ging. Die Abwicklung von Finanzinstrumenten ist ein Bereich, in dem die Digitalisierung bzw. die Blockchain eine Chance hat, die Branche zu verändern. Immer noch werden einige Finanzinstrumente zumindest theoretisch physisch abgewickelt.

Bei Transaktionen, bei denen es zu Verzögerungen zwischen ausführungs- und abwicklungszeitpunkten kommt wie z. B. bei Derivatetransaktionen, ist für den Ausgleich von Risiken weiterhin ein Clearing erforderlich. Andererseits könnten Smart Contracts das heutige Sicherheitenmanagement einschließlich Margin Calls und Netting-Vereinbarungen ersetzen. Technisch gesehen sind wir noch nicht so weit. Die Regulierung nimmt die Nutzung von DLT-Marktinfrastrukturen in größerem Umfang nicht vorweg, sondern versucht zu beobachten, wie sich frühe Versuche auf Basis von DLT durch kleinere Anbieter entwickeln.

Ein weiterer Vorteil, der mit dem Einsatz von DLT verbunden ist, ist die Fähigkeit seiner digitalen Aufzeichnungen, auf Buchungen zu verzichten. Dadurch könnten zentrale Wertpapierverwahrer (Central Securities Depositories, CSD) theoretisch ihre Relevanz als Notar bei der Abwicklung zwischen Transaktionsgegenparteien verlieren. Zum einen gibt es aber noch keine aufsichtsrechtliche Regelung, die es erlaubt, die Verpflichtung zur Beauftragung eines Dritt-CSD mit der Abwicklung von zum Handel zugelassenen Wertpapieren an einem Handelsplatz zu umgehen. Und es ist fraglich, ob es jemals eine geben wird, da die Aufgabe dieser zwingenden Trennung und die Beauftragung eines unabhängigen dritten den Weg für erhebliche Interessenkonflikte ebnen würde.

Auf der anderen Seite – während Befürworter der DLT sagen, dass es genau die Technologie ist, die es erlaubt, auf diese dritte Instanz zu verzichten, weil ein Token-basiertes Wertpapierregister synchron mit dem verteilten Ledger aktualisiert werden kann – darf der Umfang der technischen Integration nicht unterschätzt werden. Solange es (technisch) unklar bleibt, ob der oben genannte Clearing-Schritt überflüssig ist, weil die physische Verfügbarkeit des zu verkaufenden Wertpapiers auf dem Konto des Verkäufers und die des Gelds auf dem Konto des Käufers technisch und zeitgleich sichergestellt sind, ist diese Form der Abwicklung schlicht nicht möglich.

Die Frage nach einem gemeinsamen technischen Standard

Zu beachten ist auch, dass der Umfang an Transparenz, die mit einem „Tokenised Trading Lifecycle“ verbunden ist, von den Aufsichtsbehörden wahrscheinlich begrüßt werden würde. Gleichzeitig würde dies jedoch erhebliche wettbewerbs- und datenschutzrechtliche Probleme mit sich bringen und Disziplinen wie die Wertpapierleihe würden die technische Komplexität weiter erhöhen. Auch die Frage nach einem gemeinsamen technischen Standard für die Anwendung DLT-basierter Lösungen, der die durchgängige Abwicklung eines Geschäfts über Parteien und den gesamten Lebens-Zyklus hinweg ermöglicht, ist noch nicht geklärt.

Das Potenzial von DLT, das Finanzwesen und insbesondere die Bereiche Clearing und Abwicklung radikal zu verändern, ist beträchtlich – angefangen bei der sofortigen Validierung der physischen Verfügbarkeit von Wertpapieren auf dem Konto des Verkäufers und Liquidität auf dem Konto des Käufers zur Reduzierung von Kapital-, Liquiditäts- und Wiederbeschaffungsrisiken bis hin zu den Möglichkeiten, unter DLT auf Buchungen und damit letztlich auf zentrale Wertpapierverwahrer zu verzichten, die Latenzzeit auf nahezu Echtzeit zu senken und die Wertschöpfungskette insgesamt zu optimieren.

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Tobias Stöhr studierte technisch orientierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart und erwarb 2010 die Zulassung als zertifizierter Börsenhändler der Baden-Württembergischen Wertpapierbörse. Von 2007 bis 2019 arbeitete er an der Börse Stuttgart, zuletzt als Senior Sales Institutional Clients. Seit 2012 ist er als Lehrbeauftragter bei der Dualen Hochschule Baden Württemberg tätig. Seit 2019 ist er Börsenexperte und Sales Executive bei dem paneuropäischen Handelsplatz Spectrum Markets in Frankfurt am Main.