Im GründerView stellen wir in regelmäßigen Abständen spannende Startups aus Baden-Württemberg vor. Das Team von memetis hat sich vorgenommen die Aktorik- Landschaft zu verändern. Dazu entwickelt das vierköpfige Gründerteam folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierungen. Mitgründer Christopf Wessendorf erklärt uns, was hinter dem „Formgedächtniseffekt“ steckt und wie die entwickelten Aktoren einsetzbar sind.

Euer StartUp in einem Tweet!

memetis entwickelt folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung, die industrieübergreifende Herausforderungen bewältigen.

Wie und wo kam Euch Eure Geschäftsidee?

Das war vor gut zwei Jahren hier in Karlsruhe am KIT. Meine Mitgründer Marcel Gültig, Christof Megnin und Hinnerk Oßmer kennen sich seit geraumer Zeit durch ihre Doktorandentätigkeit am Institut für Mikrostrukturtechnik (IMT). Alle drei haben im Rahmen ihrer Promotion mit Formgedächtnislegierungen (FGL) und Miniatur-Aktoren gearbeitet. Durch die Fülle an Anwendungsmöglichkeiten, welche FGL in der Aktorik erlauben sowie eine bestehende Lücke im Markt – für Miniatur-Aktoren in begrenzten Stückzahlen – ist schließlich die Begeisterung und der Wille entstanden, durch eigenes Know-how folienbasierte FGL-Aktoren zur Marktreife zu entwickeln. Ich habe das Team dann im Frühjahr 2015 verstärkt um den kaufmännischen Teil der Ausgründung aufzubauen. Seit März 2016 verfolgen wir von memetis dieses Ziel nun mit allem Nachdruck und sehen, dass der Bedarf spürbar vorhanden ist und wir positive Resonanz aus verschiedenen Branchen erhalten.

Was motiviert euch, selber zu gründen anstatt beispielsweise eine Konzernkarriere zu verfolgen?

Ich denke, hier sind wir uns alle einig. Wir suchen letztendlich nach einer Herausforderung, die uns Abwechslung, Spaß, Eigenverantwortung und gewisse Freiheiten gewährt. Dies gehört für uns zu einem erfüllenden Berufsleben dazu. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Kombination aus Kriterien nur schwer in einem Konzern zu finden ist.

Weiter muss man sicher auch das Große und Ganze ins Auge fassen. Wir von memetis haben schließlich die Möglichkeit, die eigenen Forschungsergebnisse einem breiten Nutzerkreis zugänglich zu machen und somit einen Mehrwert für die Gesellschaft zu leisten. Wie groß dieser ist, ist noch ungewiss, aber er ist da. Heute nutzen wir zahlreiche tolle Erfindungen in unserem Alltagsleben – da sehen wir uns in der Pflicht einen Beitrag zu leisten!

In welchen Branchen werden die folienbasierten FGL-Miniatur-Aktoren hauptsächlich eingesetzt?

Folienbasierte FGL-Miniatur-Aktoren stellen derzeit eine Nische dar. Uns sind primär Forschungsgruppen bekannt, welche in ähnlichen Bereichen tätig sind. In der Breite sind sie jedoch aktuell nicht im Markt verfügbar. Dies ist für uns natürlich von großem Vorteil.

Letztendlich sind die Anwendungsmöglichkeiten sehr zahlreich. Unser Fokus liegt momentan auf der Mikrofluidik für beispielsweise die Medizintechnik, Bioanalytik und Laborautomatisierung. Wir haben bereits ein umfangreiches Know-how aufgebaut, wie wir Miniaturventile bauen können, die nur ca. ¼ der Größe von konventionellen Lösungen haben. Diese Ventile versprechen gut in den genannten Branchen eingesetzt werden zu können und dort eine voranschreitende Miniaturisierung bei steigendem Leistungsumfang zu ermöglichen. Weiter arbeiten wir aber auch an Miniaturaktoren für Pumpen, Pipettiereinheiten sowie andere Dosiereinrichtungen.

Daneben sehen wir aber weitere Potenziale im Bereich Consumer Electronics, der Luft- und Raumfahrt sowie der Automobilindustrie oder auch dem Modellbau. Aktuell prüfen wir gerade, wo wir den nächsten Schwerpunkt setzen – die genauen Überlegungen wollen und dürfen wir noch nicht teilen. In den kommenden Monaten können wir hierzu jedoch sicher mehr berichten.

Was sind die Vorteile von folienbasierten Formgedächtnislegierungen gegenüber drahtbasierten Lösungen?

Formgedächtnislegierungen werden in der Medizin schon seit einiger Zeit für beispielsweise Stents eingesetzt und sind in Form von Rohren, Blechen, Drähten verfügbar. FGL und den Formgedächtniseffekt jedoch aktiv zu nutzen, ist ein relativ junges Phänomen. Dies ist bisher nur mit drahtbasierten Aktoren erfolgt, welche ihre Marktreife jedoch bereits unter Beweis stellen konnten.

memetis verbindet nun erstmals die Vorteile der FGL-Aktuierung mit der enormen Flexibilität der Fertigung sowie Aufbau- und Verbindungstechnik basierend auf Folien. Ein wesentlicher Vorteil von Folien besteht darin, dass bei kleiner werdenden Bauteilen die Arbeitsdichten konstant bleiben und die Schaltzeiten kürzer werden. Weiter können Kräfte und Stellwege der Aktoren unabhängig von der Foliendicke durch Geometrieanpassung eingestellt werden. Hierdurch lassen sich ganz neue und innovative Miniatur-Aktoren entwickeln, welche auch die Umsetzung von komplexen Aktorgeometrien sowie mehrere Freiheitsgrade der Aktuierung auf kleinstem Raum und in einem einzigen Bauteil erlauben. Diese Komplexität ist durch drahtbasierte Lösungen in der Regel nicht abzubilden. Hier wird eine besondere Stärke von memetis deutlich, da es uns Dank unserem spezifischen Know-how t möglich ist zahlreiche Spezialanwendungen durch unsere folienbasierten Miniatur-Aktoren überhaupt erst ermöglichen zu können.

Wie würdest Du einem 6-Jährigen Kind den Begriff „Formgedächtniseffekt“ erklären?

Im Grunde ist das recht einfach. Man stelle sich ein Stück Metall vor, welches eine gewisse Form hat, z.B. einen Draht in Form eines Notenschlüssels oder eine dünne und ganz glatte Folie. Dieses Stück Metall besteht aus einer speziellen Legierung, zum Beispiel aus Nickel und Titan und lässt sich im kalten Zustand sehr einfach verformen. Durch Erhitzen der Legierung, z.B. durch einen elektrischen Impuls, erinnert sich die Legierung jedoch an ihre eigentliche Struktur und biegt sich selbstständig wieder zurück in ihre „Gedächtnisform“, z.B. in den Notenschlüssel. Dabei kommen Kräfte zum Tragen, welche wir gezielt für unsere Aktoren einsetzen.

Karlsruhe ist für Gründer…

… ein ideales Ökosystem, um seine Ideen vom eigenen Unternehmen zu entwickeln, diese zu schärfen und dann in die Tat umzusetzen. Gerade im Tech-Bereich ist Karlsruhe in Deutschland eine der Top-Adressen. Von der Ideengenerierung und Netzwerken mit anderen Gründern, erfahrenen Unternehmern oder einfach jungen Menschen, die gleiche Interessen teilen, über Gründerunterstützung durch das KIT in Form von upCAT, Förderprogrammen, dem Inkubator bis hin zu einer unglaublichen Nähe zur Industrie und gute Kontakte zu Investoren – es kommt alles zusammen, was man bei der Unternehmensgründung benötigt. Karlsruhe stellt somit eine optimale Ausgangsbasis für die eigene, erfolgreiche Unternehmensentwicklung dar.      

Dein Rat für jeden Gründer?

Als Gründer sollte man ehrlich sein. Ehrlich zu sich selbst, seinem Team, seinen Partnern und Kunden. Bei der Unternehmensgründung basiert anfangs sehr viel auf Vertrauen. Zum Beispiel vertraut der erste Kunde darauf, dass man eine gewisse Leistung erbringen kann, ohne dass man zu diesem Zeitpunkt auf Referenzen verweisen könnte. Für eine Privatperson mag dies noch überschaubar sein, aber für einen Konzern, mit ggf. bürokratischen Strukturen und größeren Auftragsvolumina ist das anders. Der erste Auftrag wird hier mit sehr viel Überzeugung und Vertrauen gewonnen. Hat man das Vertrauen einmal verspielt, wird es schwer.

Sicher sollte man auch Visionen und Perspektiven aufzeigen – dass macht die Attraktivität eines Startups ja aus. Diese müssen aber auch klar als solche kommuniziert werden, um hier nicht falsche Erwartungen zu wecken.

Als Gründer ist man doch immer auf der Suche nach Kapital… Was würdet ihr mit einem Investment von, sagen wir 200.000 € machen?

Da fallen mir spontan eine ganze Reihe von Dingen ein! Wenn wir unsere Planung jedoch weiter so gut verfolgen wie derzeit geschehen, dann würde ich die 200.000 € vermutlich in den Aufbau einer ersten kleinen Fertigung stecken. Dies stellt für uns den nächsten wichtigen Schritt dar. Wir haben bereits erste Industriepartner und realisieren mit diesen gewisse Umsätze. Um dies nun aber konsequent weiterzuführen, müssen wir in größeren Stückzahlen produzieren und benötigen dazu einige Fertigungsmaschinen entlang einer teilautomatisierten Produktionsstraße. Da käme das gerade recht und zeitlich auch sehr gelegen!

Über memetis

memetis entwickelt folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierungen (FGL), die eine unübertroffene Leistungsdichte und höhere Flexibilität im Vergleich zu bestehenden Lösungen bieten. Diese finden in einer Vielzahl von innovativen Branchen, z.B. der Biotechnologie oder Medizintechnik, Anwendung.

Das vierköpfige Gründerteam hinter memetis sind Dr. Marcel Gültig, Dr. Christof Megnin und Hinnerk Oßmer, welche die technischen Aspekte abdecken sowie Christoph Wessendorf, der den kaufmännischen Bereich verantwortet.
www.memetis.de

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