Gut 6.000 Elektroautos wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zugelassen, etwa doppelt so viele wie 2012. Doch der Gesamtmarktanteil ist mit etwa 0,2 Prozent verschwindend gering und liegt knapp unter dem europäischen Durchschnitt. Ein Ladestecker aus Deutschland soll für Standards und neuen Antrieb sorgen.

Die Reichweite von Elektroautos ist begrenzt. Während Automobile mit herkömmlichem Antrieb inzwischen locker die Tausend-Kilometer-Grenze knacken, ist bei den Modellen mit Lithium-Ionen-Akku in der Regel bei etwa 150 Kilometer Schluss. Was für den Stadtverkehr oder einen Ausflug ins Umland reicht, ist für die Urlaubsreise deutlich zu wenig. Doch selbst wenn die Grenze eines Nachbarlandes erreicht wird, kann es schwierig werden, eine Stromtankstelle zu finden, geschweige denn eine mit dem passenden Stecker. Denn so unterschiedlich wie die europäischen Länder sind auch die verwendeten Stecker. Dieses Problem soll zukünftig der Vergangenheit angehören.

Einer für Alle

EU-Kommission, Ministerrat sowie die Unterhändler des Europaparlaments haben sich auf einen einheitlichen Standard geeinigt. Statt mehrerer Insellösungen soll künftig der bereits in Deutschland verwendete Typ-2-Stecker in ganz Europa zum Standard werden. Der von dem nordrhein-westfälischen Unternehmen Mennekes entwickelte Stecker wurde bereits 2009 als offener Normenentwurf ohne Patentschutz bei der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC) eingereicht.

Zu den Vorteilen des Steckers zählt die hohe Flexibilität bei der Verwendung verschiedener Ladeleistungen und Ladearten. Dadurch ist es vollkommen egal, ob der Wagen am herkömmlichen Anschluss zu Hause oder aber an einer leistungsfähigen Stromtankstelle angeschlossen wird. Außerdem erfüllt der Mennekes-Stecker den in einigen europäischen Ländern geforderten Berührungsschutz durch das sogenannte Shutter Add-On. Dieses schützt vor einem versehentlichen Stromschlag durch abgedeckte Kontakte, die erst durch Ansetzen und Umdrehen des Steckers freigegeben werden.

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Zu den Vorteilen des Steckers zählt die hohe Flexibilität bei der Verwendung verschiedener Ladeleistungen und Ladearten. (Bild: Mennekes)

Durch den einheitlichen Standard herrscht ab sofort aber auch Klarheit für Betreiber von E-Tankstellen. Mehrere Steckdosen sowie die Gefahr eines baldigen Wechsels auf einen anderen Typ sind kein Investitionshindernis mehr. Die bisher laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) bestehende Zahl von 4.450 öffentlichen Ladestationen dürfte durch den neuen Standard in den kommenden Monaten ein rasantes Wachstum an den Tag legen.

Werkzeug zur Energiewende

Doch der Mennekes-Stecker verfügt über einen weiteren herausragenden Vorteil, der die EU-Gremien zu ihrer Entscheidung bewegt haben dürfte: Die Übertragung der Ladesteuerdaten. Dadurch ist es möglich, die Strommenge an die im Netz verfügbare Strommenge anzupassen. Beispiel: Wird ein Auto am Morgen abgestellt und erst am Abend benötigt, dann beginnt die Ladung erst am Mittag, wenn der Prozentsatz des eingespeisten Solarstroms am höchsten ist. Auf diese Weise wird das Netz am Morgen entlastet und überschüssige Kapazitäten zur richtigen Zeit in den Akkus der Elektrofahrzeuge gespeichert. Interessanter Nebeneffekt: Kunden können davon profitieren, wenn Elektrotankstellen ein flexibles Preissystem anbieten, das der Strommenge entsprechend Preise anpasst.

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EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Oettinger auf der Mennekes Messe. (Bild: Mennekes)

Dem deutschen Entwurf stand zwar ein französisch-italienisches Modell gegenüber, die Lösung aus Kirchhudern hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Er funktioniert in beide Richtungen. Statt von der Tankstelle in den Akku ist es auch möglich, den Strom vom Auto zurück in das Stromnetz zu übertragen. Die Idee: An Ladestationen angeschlossene Elektrofahrzeuge lassen sich so als riesiger verteilter Stromspeicher verwenden, der in Engpässen bei wenig Wind oder Sonne Energie zurück ins Stromnetz speisen kann. Die während der Arbeitszeit abgestellten Automobile würden vor allem zur Mittagszeit, wenn das Netz einen erhöhten Schub aus Solaranlagen erhält, als schlauer Puffer funktionieren, der zum Nachmittag und in den frühen Abendstunden Energie zurückgibt.

Die Ladesteuerung des Typ-2-Kabels dient aber nicht nur als Schlüssel zur besseren Verteilung, sondern auch als Garantie, dass das Auto am Abend für die Strecke nach Hause eine ausreichende Ladung enthält. Eine Win-Win-Situation für Autofahrer und Energiewende. „Manchmal können banal erscheinende Kleinigkeiten wie ein Ladestecker über das Gelingen eines großen Projekts entscheiden“, sagt Simone Fischer, Head of Sustainability Services bei KPMG. Die Entscheidung für eine einheitliche europäische Norm sei überfällig gewesen. Es bestehe immer die Gefahr, dass neue Standards in anderen Weltregionen gesetzt werden, so die Expertin.