Idee haben, Startup gründen, Investment einsammeln und Millionen-Exit hinlegen. Wenn man sich die Geschichten in der Startup-Szene anschaut, bekommt man schnell das Gefühl, dass es sich hierbei um den klassischen Gründerweg handelt. Wenn das Ganze so einfach ist, wie kommt es dann, dass so viele Startups scheitern und Insolvenz anmelden müssen? Eine gute Idee zu finden ist schließlich nicht so schwer. Berichte von immer größeren Investitionssummen und erfolgreichen Expansionen auf neuen Märkten stärken das Bild vom Investment als Heilsbringer. Doch entspricht dieses Bild vom Startup der Realität?

Worüber nicht berichtet wird, sind die anderen 99 % an Gründungen, die niemals auf die Idee kommen würden, ein Investment anzustreben. Der Bäcker um die Ecke ist vielleicht nicht die spannendste Gründungsgeschichte, aber er gehört zur Mehrheit der Gründungen, die auch ohne Geld von Investoren auskommen.

Spannende Investitionsdeals haben ganz klar ihren Platz in der Berichterstattung und sind auch ein guter Motivator für Gründer. Das Problem sind unerfahrene Gründer, die diese Nachrichten für den Standard und Investments für das gängige Mittel der Unternehmensfinanzierung halten. Wo die Herausforderungen für diese Gründer genau liegen und wie man ihnen helfen kann, nicht unterzugehen, betrachten wir im Detail.

Herausforderungen eines Investment-Startups

Finanzierung über Risikokapital funktioniert folgendermaßen: Der Gründer macht sich mit der Präsentation seiner Geschäftsidee auf die Suche nach Menschen, die interessiert sind, in sein Startup zu investieren. Idealerweise befindet sich im Präsentationsgepäck auch gleich ein Prototyp. Gelingt es, den Investor zu überzeugen, bietet dieser eine Summe Geld für einen entsprechenden Anteil am Unternehmen an. Dadurch erhält der Investor ein je nach Größe des Anteils gewichtetes Mitspracherecht im Unternehmen. Der Gründer gibt also für Geld einen Teil seiner Unabhängigkeit auf und muss den Investor jetzt in wichtige Entscheidungen miteinbeziehen.

Dieser Investor legt sein Geld in der Regel nicht aus Nächstenliebe an, sondern um Gewinn zu machen. Er ist daher sehr daran interessiert, dass das Unternehmen so schnell wie möglich maximal erfolgreich wird. Um das zu erreichen, muss der Gründer alles daran setzen, ein entsprechendes Wachstum zu realisieren. Genau dafür wird üblicherweise die Investition eingesetzt. Der Gründer begibt sich also in eine Bringschuld gegenüber dem Investor, der das Geld schließlich zu diesem Zweck investiert hat. Aus diesem Wachstumsdruck können sich, neben dessen Funktion als Antriebsmotivator, allerdings Probleme ergeben.

Vor allem bei knappen Zeitfenstern kann es schnell passieren, dass sich der Gründer übernimmt. So ist es natürlich clever, auf einen viel versprechenden Markt zu expandieren. Es sollte vorher allerdings gründlich geprüft werden, dass die Nachfrage auf dem Markt ausreichend ist und dass das Unternehmen die Kosten der Marktexpansion auch langfristig tragen kann. Trifft eine dieser beiden Sachverhalte nicht zu, läuft das Unternehmen Gefahr, auf dem neuen Markt nicht die nötigen Erfolge zu erzielen. Im besten Fall gelingt es dann, sich wieder vom Markt zu lösen, also sozusagen wieder gesund zu wachsen. Es kann allerdings auch dazu kommen, dass der Heimatmarkt die eingefahrenen Verluste nicht kompensieren kann. Dann kommt es zur Insolvenz. Merke also: Eine solche Expansion sollte niemals durch Druck eines Investors geschehen, sondern auf gut recherchierten Fakten basieren.

Wachstum, aber nachhaltig

Angenommen, es handelt sich nicht um eine expansive Wachstumsstrategie, sondern um eine lokale. Dann ist das Ziel, die Größe des Unternehmens zu steigern, um mit entsprechendem Marketing und starker Marktdurchdringung größere Nachfragen bedienen zu können. So können auch kleinere Wettbewerber dominiert werden. Dieses Wachstum sollte nachhaltig sein, denn sonst besteht das Risiko, viel Effizienz zu verlieren. Ein erfolgreiches Unternehmen braucht gut ausgearbeitete, erprobte Prozesse, deren Effizienz durch gutes Controlling garantiert wird. Prozesse und Controlling sind Unternehmensvorgänge, die eher natürlich mit der Zeit wachsen. Fehler müssen gemacht, analysiert und korrigiert werden, um sie in Zukunft vermeiden zu können. Wächst man zu schnell und rein finanzbasiert, ist eine solche natürliche Entwicklung nicht möglich. Das führt unter Umständen dazu, dass vermeidbare Fehler übersehen werden und dem Unternehmen schaden.

Zusammengefasst ist der Grund für die meisten Probleme beim Risikokapital der Zeit- und Leistungsdruck. Statt gezielt Strategien zu ermitteln und zu validieren, wird Geld gegen die Wand geworfen und geschaut, was kleben bleibt.

So kann Risikokapital funktionieren

Zuallererst muss man sich von seinen extremen Positionen lösen, was das Thema angeht. Risikokapital ist weder Heilsbringer noch Teufelswerk. Es ist eine Finanzierungsmethode mit Vor- und Nachteilen. Der Trick ist es, sie an der richtigen Stelle und mit der richtigen Zielsetzung einzusetzen. Das Leitmotiv dabei ist Nachhaltigkeit, um die beschriebenen schädlichen Exzesse zu verhindern.

Obwohl es erstmal konterintuitiv klingt, sollte man Abstand davon nehmen, ohne Begrenzung und Ziel Geld einzusammeln. Der Gedanke, dass mehr Geld mit mehr Erfolg gleichzusetzen ist, hat eine systematische Schwäche. Er zeugt von fehlender strategischer Planung. Jede Finanzierungsrunde sollte ein definiertes Ziel haben und ausführlich geplant werden, bevor der erste Investor gesucht wird. So stellt man sicher, dass nur ein Minimum an Kontrolle über das eigene Unternehmen abgegeben wird, um das entsprechende Ziel zu erreichen. Ist das Geld genau verplant, kommt man auch gar nicht erst in die Verlegenheit, es für spontane, risikoreiche Projekte zu verschwenden. Ein Maximum an Nachhaltigkeit wird erreicht.

Diese Methode bedeutet natürlich auch, dass man das ein oder andere Projekt nicht sofort realisieren kann, da weniger frei verfügbare Liquidität vorhanden ist. Aus diesem Grund sollte man sich mit dem Bootstrapping-Ansatz beschäftigen. Denn obwohl Bootstrapping und Risikokapital als Gegenthesen zueinander gelten, lassen sie sich doch relativ gut kombinieren. In einem Bootstrapping-Unternehmen werden nur Profite in das Wachstum des Unternehmens investiert. Auf Fremdkapital wird so weit wie möglich verzichtet. Das führt zu einem kontinuierlichen und dabei relativ risikoarmen Wachstum.

Nimmt man dieses Konzept und kombiniert es mit einem verantwortungsbewussten Einsatz von Risikokapital, erhält man ein nachhaltiges Unternehmen, das nicht in Gefahr ist, sich zu übernehmen. Strategische und ausführlich geplante Projekte, die größere Mengen Kapital benötigen, können mit Risikokapital finanziert werden. Spontane und risikoreiche Wachstumschancen werden rein aus verfügbarem Profit realisiert. Das hat den Vorteil, dass man beim Scheitern des Projektes nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist und nicht einem enttäuschten Investor. Damit man hier nicht durcheinander kommt, bedarf es einer messerscharfen Trennung der Finanzen. Das ist aufwendig und dauert vielleicht etwas länger, ist aber auf lange Sicht gesehen erfolgsversprechender.

Fazit

Wer Startup sagt, muss auch Unternehmen meinen. Das Medienbild des Einhorns, das für Millionen Euro in einen neuen Stall gegeben wird, kann nicht für jeden gelten. Dieses Bild trifft nur auf einen sehr geringen Anteil aller Unternehmensgründungen zu. Das Gros aller Neugründungen sind auch heute noch solide Wirtschaftseinheiten, die Stein für Stein wachsen.

Die Frage ist, wie du dich siehst. Willst du dein Baby für einen beträchtlichen Teil deines Lebens großziehen und pflegen und stets selbst Herr über alle Entscheidungen sein? Oder willst du alles auf Wachstum ausrichten und in fünf Jahren den Exit?

Trotz des „Oders“: Den einen richtigen Weg gibt es nicht. Wir haben dir gezeigt, wie man die Modelle auch mischen kann. Was daraus gemacht wird,  muss jeder für sich selbst entscheiden.